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Avon, Lolita und Spucke

Avon, Lolita und Spucke

Heute Mittag komme ich von einer Besprechung nach Hause. An der Tür empfängt mich eine kleine Hafenhure. In aufreizender Pose wiegt sich das aufreizend gekleidete Mädchen in den Hüften. Ihr Gesicht ist grotesk geschminkt. Rote Wangen, Lidschatten fingerdick aufgetragen und um die Augen grüne Farbe.

Ihre grellrot geschminkten Lippen scheinen sich zu einem fordernden Kuß zu formen, doch dann sagt der Mund: “Hallo Papa!”

Es ist meine achtjährige Tochter Josie, die mich da als Lolita empfängt: sie hat Mamas Schminkkoffer geplündert.

“Nein, ich war nicht an deinen Schminksachen.”, behauptet das Kind bei der anschließend unverzüglich anberaumten peinlichen Befragung durch die mittlerweile ebenfalls eingetroffene Allerliebste. “Wirklich nicht!”

Avon, Lolita und SpuckeAvon, Lolita und Spucke

“Ich sehe doch, daß du geschminkt bist, erzähl uns doch keine Märchen. Schau dir nur an, wie rot deine Wangen sind!”, schimpft die Mutter meiner Kinder.

“Das kommt nur von der Hitze, mir ist so heiß.”

Anke, die Allerliebste, nimmt ein Papiertaschentuch und feuchtet es mit etwas Spucke an.
Mir schwant Schlimmes! Wie habe ich es immer gehaßt, wenn die alten Tanten, die mit meiner Mutter gemeinsam dieses unsägliche wöchentliche Kaffeekränzchen veranstaltet haben, ihre nach Tosca von 4711 riechenden Stofftaschentücher anspuckten, um mir dann mit ihrem Sabber irgendwelche vermeintlichen Krümel aus dem Gesicht zu wischen!
Da gab es so einen ganz bestimmten Griff, der es unmöglich machte, daß man als Kind dieser Tortur entgehen konnte. Frau Friederichs hatte eine Technik drauf, die aus einer Kombination von Täuschung, überfallartigem Handeln und roher Gewalt bestand.

Sie winkte mich immer freundlich zu sich. Da sie diejenige war, die immer eine kleine Leckerei für mich in ihrer übergroßen Handtasche hatte, ging ich gerne auf ihr Locken ein. Mit einer unnachahmlichen Handbewegung stellte sie die Tasche auf die unglaublich dicken Schenkel, die ihren Schoß bildeten und öffnete sie mit der Grazie, zu der eine etwa dreieinhalb Zentner schwere alte Dame fähig ist.

Gespannt versuchte ich immer einen Blick in ihre Tasche zu werfen, während sie darin herumkramte. Gab es diesmal Schokolade oder hatte sie sogar etwas Geld für mich? Zuerst entnahm Frau Friederichs immer eine Packung Salztabletten, die sie auf dem Tisch drappierte. Daneben baute sie dann allerhand Tabletten und Tropfen auf, mindestens 12 Packungen und Fläschen, eben alles was man dringend mitführen muß, wenn man die gefährliche Krankheit der Darmwinde (chronisch!) hat.

Dann kam die oval-schlanke Tosca-Flasche zum Einsatz. Von der bisherigen Taschensucherei etwas erschöpft, mußte sich die dicke alte Dame zunächst eine kleine Erfrischung gönnen und sprühte sich etwas von dem Zeug hinter ihre wahnsinnig großen Ohrlöffel. Ich habe mich als Kind immer gefragt, ob die Ohren von den riesigen Ohrringen so langezogen worden waren.

Stets bekam ich eine Wolke von dem Tosca direkt ins Gesicht gepustet, denn Frau Friederichs machte so eine ausladende Handbewegung während des Sprühens und schaffte es, ihre Riesenohren auch noch zu verfehlen. Warum sprühte sie sich das Zeug überhaupt hinter die Ohren? Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wer in Gottes Namen auf die Idee kommen könnte dieser dicken Tante ausgerechnet hinter die Ohren zu schnüffeln.

Nachdem dann die Tosca-Flasche auch auf dem Tisch plaziert worden war, ging die Taschenkramerei weiter. Mit der Linken zupfte sie ihr großes weißes Taschentuch heraus und ließ es unverfänglich in ihre Rechte wechseln. Dann tat sie so, als ob sie gefunden habe, was sie suchte und nickte mir freundlich zu. Freudig trat ich einen Schritt vor.

Hatte sich die Dicke bis dahin eher ächzend und langsam bewegt, mehr erlaubte ihre Körperfülle gar nicht, denn aufgrund ihre Bauches und Busens mußte sie die Handtasche immer ganz weit vorne auf ihre Schenkel stellen und sich entsprechend weit vorbeugen, so erfolgten alle folgenden Bewegungen in geradezu unglaublicher Geschwindigkeit.

Mit der Linken griff sie meinen Hinterkopf und zog mich dicht zu sich heran. Ich konnte mihch winden und drehen, wie ich wollte, die Alte hatte Kraft! Dann spuckte sie auf das Taschentuch in ihrer Rechten und so sehr ich mich auch wand, sie wischte mir mit dem Spucketuch um den Mund herum. “So, mein Kleiner, jetzt bist du wieder sauber!”

Dieses Verhalten war beinahe zwanghaft und ich habe lange nicht verstanden, welche Erfüllung alten Frauen dieses Spucken bringt. Es hat, so glaube ich, bis weit in die Pubertät hinein gedauert, bis ich verstand, daß Sex nicht auch aus gegenseitigem Spucketuchwischen besteht. Diese Erkenntnis empfand ich damals als sehr glückseligmachend!

Jetzt steht also meine kleine Tochter vor eben dieser Tortur. Anke wird ihr doch wohl nicht wirklich mit dem Spucketuch im Gesicht herumwischen. Bitte nicht das Spucketuch!

Ich beschließe, meiner kleinen Prinzessin zur Hilfe zu eilen und werfe ihr einen Rettungsanker zu: “Du hast doch bestimmt nur die ganz alten Schminkfarben von der Mama genommen, oder?” Dabei nicke ich dem Kind aufmunternd zu und hoffe, daß es den Wink versteht.

Jetzt muß sie nur ebenfalls nicken und bestätigen, was ich sagte und Anke wird wieder versöhnt sein, bin ich mir sicher. Ich kann es doch nicht zulassen, daß sie dem Kind mit dem angespuckten Papierlappen im Gesicht herumwischt.

Josie, unsere kleine bunte Lolita hat meinen hilfreichen Einwand aber nicht verstanden und schüttelt langsam dem Kopf. Dann sagt sie, während ihr die Tränen in die Augen schießen: “Nein, Papa, ich habe deine Grafikerkreide genommen.”

Meine teure Grafikerkreide! Jene Kreide, von der ein jämmerliches kleines Stück 10 Euro kostet!

“Anke!”, so lautet mein Befehl, “wisch ihr den Dreck aus dem Gesicht!” Und schon spucke ich nochmals kräftig auf das Papiertaschentuch. “Wische, Frau wische!”

Meine Grafikerkreide! Da ist ein Spucketuch als Strafe gar nicht schlimm genug. Ach, wie dankbar bin ich der guten, braven, dicken Frau Friederichs!
© Peter Wilhelm, 2006


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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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