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Auf der Treppe erwischt

Auf der Treppe erwischt

„Isch hab Sie gestern gesehen!“, sagt unsere liebe Frau Ruckdäschl zu mir und ich weiß, daß sie jetzt erwartet, daß ich zurückfrage, wo das denn gewesen sei. Daraus wird sich ein längeres Gespräch ergeben, sie wird mich nicht mehr weglassen und ich könnte ihr allenfalls den dürren alten Hals umdrehen, um weiterzukommen. Besser ist, ich sage gar nichts, grinse bloß etwas dämlich und ärgere mich immer noch darüber, daß ich es nicht so gemacht habe wie Costas der Grieche aus dem Nebenhaus. Der kann nämlich immer dann auf einmal kein Deutsch, wenn die Ruckdäschl in der Nähe ist. Auf den Trichter bin ich leider erst viel zu spät gekommen, da hatte ich schon offenbart, daß ich sprechen kann und das auch noch auf Deutsch.

„Sie, isch hab Sie gestern gesehen!“, sagt die Alte schon wieder und dieses Mal einen Deut lauter. Bevor sie mir das ganze Haus zusammenschreit und vielleicht noch einer der anderen Nachbarn auf die Idee kommt, ich würde ihr etwas antun, sage ich vorsichtshalber:

„Jau!“

So ein ‚Jau‘ ist doch unverbindlich und kann alles Mögliche heißen. Ich drehe mich einfach um und will verschwinden. Sie steht in ihrer Wohnungstür, ich hätte nur zwei Stufen bis zur Haustüre zu bewältigen, bin trotz meiner Größe und Fülle sicherlich beweglicher als sie und habe -alles in allem- recht gute Chancen. Dieses Mal könnte sie machen, was sie will, sie würde es weder schaffen, mich mit knochigen Fingern festzuhalten, noch sich mir in den Weg zu stellen.
Doch ich habe, wie schon an so vielen Tagen zuvor, die Rechnung ohne die Ruckdäschl gemacht. Ich bin schon fast an der Tür, da scheppert es hinter mir metallen und ich mache den Fehler, mich umzudrehen.
Die Ruckdäschl hat ihren Schlüssel fallenlassen und gibt vor, sie könne sich jetzt nicht richtig bücken, ächzt, stöhnt, beugt sich etwas vor, stöhnt noch mehr…
Was soll ich machen? Ich bin Christ, Mann, gutmütig, doof, man suche sich was aus.

Auf der Treppe erwischtAuf der Treppe erwischt

„Warten Sie, ich helfe Ihnen“, sage ich, hebe den Schlüssel auf und überreiche ihn ihr. Das hätte ich besser anders gemacht, vielleicht ihr den Schlüssel einfach zugeworfen, aber die plötzliche Nähe gibt ihr die Chance, mein Handgelenk zu ergreifen und eisern festzuhalten:

„Gell, ich hab Sie gestern gesehen!“

Okay, ich habe noch was vor und es wird vermutlich doch das Günstigste sein, ihr nachzugeben:

„Ach was? Wo denn?“, lasse ich mich auf ihr Spiel ein, was sie zufrieden lächelnd quittiert.

„Ei do! Do wo’s der Döner gibt.“

Das kann gut sein, die Allerliebste futtert im Moment bloß Möhren, der Augen wegen und ich habe auf dem Rückweg von der Tankstelle einen unerlaubten Zwischenstop an Alis Dönerladen eingelegt.

„Jaja, das kann sein, da war ich gestern.“

„Essen Sie das etwa?“

„Döner? ja natürlich, das ist lecker!“

„Das soll aber aus Schafsfleisch sein.“

„Stimmt, solche Döner soll es geben, aber bei Ali gibt es nur Rindfleisch- und Geflügeldöner.“

„Also isch hab genau gehört, wie der gestern zu Ihnen gesagt hat, daß das mit Schaf ist.“

„Das kann gar nicht sein“, wehre ich mich, denn ich mag auch keinen Hammel.

„Doch, doch, der hat sogar noch gefragt, ob Sie ein Extraschaf haben wollen.“

Jetzt weiß ich was die Ruckdäschl meint, Ali hatte mich gefragt, ob ich den Döner extrascharf gewürzt haben will. Das muss sie falsch verstanden haben, aber ich komme gar nicht dazu, ihr das zu erklären, denn sie plappert gleich weiter:

„Wir sind ja nicht so für das ganze Ausländerische. Es soll ja Leute geben, die mit Paprika kochen oder dieses neumodische Zeug da, diesen Kätschapp und ganz Verrückte nehmen sogar Maggi! Aber ich hab ja auch schon ämol ausländerisch gegesse. Das war vor 12 Jahren, da hat mein Franz noch gelebt und der hatte manchmal so ganz verrückte Ideen. Da ware mer ämol beim Italiener.“

„Hmm“, mache ich und warte ab, was da kommt.

„Und der wollte uns doch Spätzle verkaufen, stellen Sie sich das mal vor! Da hatte der ganz ausländerische Namen dodafür, aber ich hab das nicht gegesse. Nudeln kann isch mir doheim auch mache.“

„Ja und was haben Sie denn dann gegessen?“

„Was ganz Verrücktes! Das war so ein gebackener Teigfladen, Piazza heißt das, hat gar nicht mal so schlecht geschmeckt, nur der geriebene Partisanenkäse, der hat mir zu sehr gestunken.“

Ich muß lachen, Partisanenkäse…

„Frau Ruckdäschl, was Sie meinen ist Parmesan!“

„Quatsch, ein Parmesan ist so ein Affe im Zoo.“

„Was Sie meinen, ist ein Pavian.“

„Sie kenne sisch awwa gar nicht aus mit denne Fremdwörter! Ein Pavian ist so eine spanische Wand beim Arzt, wo man sich hinter ausziehen kann. Wissen Sie was? Kommen Sie doch irgendwann mal abends vorbei, dann erkläre ich Ihnen die Fremdwörter!“

Lieber nicht! Ich geh jetzt einen Döner essen, extrascharf!

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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peter wilhelm autorenlesung
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