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Anke kauft Nuancen

Anke kauft Nuancen

Ich war neulich mit der Allerliebsten im Einkaufszentrum. Kurz vor der Kassenzone macht die Allerliebste das, was ich am meisten hasse: Sie lässt mich in der Reihe der Wartenden zurück und hüpft „nur mal eben“ weg, um noch etwas zu holen. Ich kenne das: Sie kommt nie wieder! Nie! Das heißt, sie kommt doch wieder, aber sicher erst dann, wenn ich bereits dran bin und alles auf das Förderband legen muss.

Dann muss sich diese, etwas groß geratene Frau, die über die Grazie eines mittelschweren Räumpanzers verfügt, durch die Schlange die sich hinter mir immer bildet, hindurchzwängen und fängt natürlich schon in dem Moment an zu plappern, in dem sie mich sieht.

Das ist mir immer sehr peinlich und deshalb stelle ich mich dieses Mal etwas abseits hin, lasse anderen den Vortritt an der Kasse und bin fest entschlossen, mich erst dann einzureihen, wenn die Allerliebste alles gekauft hat.

Allerdings merke ich sehr schnell, daß das ein taktischer Fehler ist. Denn offenbar findet Anke das sehr praktisch. Ich bleibe artig beim Wagen, stehe an einer gut erreichbaren Stelle und sie kann immer mal wieder verschwinden, Sachen kaufen bei denen ich sonst die Augenbrauen hochziehen würde, sie mal schnell in den Wagen werfen und husch, husch wieder verschwinden. Sie bewegt sich ja sonst eher behäbig, entwickelt aber in dieser Situation eine unerwartete Geschwindigkeit. Langsam füllt sich der Wagen zunehmend mit Artikeln, die nur Frauen kaufen. Zum Beispiel habe ich da jetzt sechs Packungen mit Haarfarbe. Es gelingt mir, meine Frau am Zipfel ihrer Jacke zu erwischen, als sie wieder abhauen will.

„Sag mal, wozu kaufst du soviel Haarfarbe?“

Anke kauft NuancenAnke kauft Nuancen

„Zum Haarefärben?“ Ein spöttischer Unterton liegt in ihrer Stimme.

„Aber doch keine sechs Packungen. Du hast zwar bedeutend mehr Haare als ich, aber sechs Packungen brauchst selbst du nicht!“

„Wegen der Farben!“

„Wie, wegen der Farben, das ist doch alles irgendwie rot.“

„Ja eben, du siehst bloß ‚irgendwie rot‘, aber in Wirklichkeit sind es Nuancen.“

Wie sie schon ‚Nuancen‘ sagt! Wie sie das schon sagt!
In der Betonung des Wortes ´Nuancen´ liegt mal wieder die volle Verachtung Gottes weiblicher Schöpfung gegenüber den minderwertigen Dreibeinen. Sie sagt zwar nur ‚Nuancen‘, aber bedeuten soll das:

„Halt’s Maul, du Kretin, davon verstehst du sowieso nichts!“

Ich will aber keine sechs Packungen Haarfarbe kaufen. Erstens sind die sehr teuer und zweitens wird sie zu Hause wieder meine herrlichen Rasierwasser an die Seite schieben, damit sie Platz für ihre ‚Nuancen‘ hat. Deshalb sage ich:

„Such dir doch hier eine oder zwei passende Farben aus!“

„Das kommt überhaupt nicht in Frage. Hier ist so ein komisches Licht, da sieht man das nicht richtig.“

Nun gut, ich gebe klein bei und nehme in Kauf, daß die daheim bereits vorhandenen vierzig Nuancen um weitere sechs aufgestockt werden. Ich weiß zwar ganz genau, daß auch heute wieder Nuancen angeschafft werden, die sie niemals anwenden wird, aber was soll ich machen?
Vielleicht verstehe ich ja wirklich nicht genug davon, schließlich habe ich noch nie etwas anderes als Haarshampoo für meine Haare benutzt. Andererseits befinden sich unter den Nuancen zu Hause auch „silbergrau“, „trüffelbraun“ und „schottisch kariert“. Beim Silbergrau bin ich mir sicher, daß das in weiten Teilen der tatsächlichen Haarfarbe der Allerliebsten entspricht und damit stellt sich mir die Frage, warum man so etwas dann überhaupt kauft. Das Trüffelbraun sieht auf dem Musterbild auf der Packung schon aus wie Hundekacke und das Einzige was mich wirklich interessieren würde, wäre noch das „Schottisch kariert“, aber das will sie nicht nehmen.
Ich sage ja, ich verstehe vermutlich wirklich nicht genug davon.

Also zischt sie wieder weg und ich ärgere mich, daß ich jetzt nicht an der Kasse stehe, denn die Kasse ist ganz leer, ich wäre sofort dran.
Just in dem Moment, als eine Rentnerin sich mit drei Dosen Hühnernudeltopf an die Kasse pirscht, kommt die Allerliebste wieder um die Ecke, wirft eine Riesenpackung Tampons in den Wagen und will wieder weg.

„Halt!“, kommandiere ich und lege jenen Unterton in meine Stimme, der deutlich aussagt, daß es mir jetzt reicht und ich mich im nächsten Moment schreiend auf dem Boden wälzen werde. Da ich das schon mal gemacht habe (als Anke drei Stunden für den Kauf von einem Paar Hausschuhe benötigte), gibt Anke nunmehr klein bei und sagt:

„Okay, stellt Dich an die Kasse, ich hole nur noch eben Zahnpasta. Das dauert nur eine Sekunde und ich wirklich sofort da. Versprochen!“

Wenn sie ‚versprochen‘ sagt, kann man sich auf sie verlassen, das weiß ich und deshalb stelle ich mich hinter die Rentnerin an die Kasse.

Die Oma vor mir bewegt sich wie eine Schnecke, sie ist ja schon alt und in mir waltet mildes Verständnis für Senioren, was zugegebenermaßen nicht oft vorkommt. Das gibt mir die Zeit, meine Einkäufe sorgfältig auf dem Förderband zu platzieren. Hinter mir stellt sich eine Frau von etwa dreißig Jahren an und lächelt. Ich lächele nicht zurück, denn normalerweise ist das so, daß Leute, die mich anlächeln entweder schwul sind (was ich bei ihr jetzt mal ausschließe) oder mir irgendwas verkaufen wollen, was ich gar nicht haben möchte.

Von Anke keine Spur!

Ich sollte vielleicht noch erzählen, daß Anke die Kreditkarte einstecken hat und ich nur über etwa 50 Euro Bargeld verfüge, während unsere Einkäufe vermutlich 120 Euro ausmachen werden. Kann irgendwer verstehen, daß ich langsam nervös werde?

Die Kassiererin tippt die drei Dosen der Alten ein und dann ist die Kassenrolle alle. Die Schlange hinter mit wächst, es haben sich noch drei Leute hinzugesellt. Von Anke immer noch keine Spur.
Die Kassenrolle ist gewechselt, die Rentnerin will bezahlen, tut das aber offenbar mit Centstücken, die sie einzeln auf den Zahlteller legt.

Zu allem Überfluß spricht mich jetzt auch noch die Tante hinter mir an:

„Sie, sagen Sie mal, die Tampons da, wo haben Sie die her?“

Ich muß gestehen, daß ich als Mann zu allen Fragen der Damenhygiene ein sehr gespanntes, wenn nicht gar gestörtes Verhältnis habe. Gut, ich bin ein gebildeter Intellektueller und weiß warum, wie oft und wie lange Frauen so etwas haben. Natürlich weiß ich mehr, als ich hier jetzt zugeben will, aber das sind Themen, die die Allerliebste und ich besprechen, wenn niemand dabei ist. Mit anderen Worten: ich bin es nicht gewohnt über Fragen der Menstruation mit Dritten zu sprechen und das bezieht sich auch auf den Ankauf diverser Damenhygieneartikel.
Deshalb möchte ich die Frage der neugierigen Tante nicht beantworten, kann es aber auch gar nicht, da ich nicht die geringste Ahnung habe, wo in diesem Laden die Tampons liegen.

„Da müssen Sie meine Frau fragen, die weiß das besser als ich“, sage ich deshalb und ernte einen verwunderten Blick. Sie muß sich ja auch wundern, schließlich stehe ich alleine an der Kasse. Ich füge noch schnell hinzu:

„Die ist nur noch mal eben was holen, die kommt sofort.“

Und genau in diesem Moment höre ich, daß Anke auch tatsächlich kommt. Ich weiß nicht, ob sie mal wieder andere Leute mit ihren Einkaufswagen in die Regale schubst, jedenfalls poltert und flucht es in der sehr lang gewordenen Schlange und das ist ein untrügerisches Zeichen dafür, daß mein halbungarischer Räumpanzer im Anmarsch ist.

Ich blicke mich nun doch um, Anke ist im Gewühl steckengeblieben, offenbar will sie jemand nicht durchlassen. Wenn der wüßte, wie stark die ist!
Die Tante hinter mir erkennt an meinen Blicken, daß es sich bei der auf Ungarisch fluchenden Schönheit um meine Frau handeln muss und kräht über die Köpfe von mindestens zehn hinter ihr stehenden Leuten hinweg:

„Sie, wo haben sie die Tampons her?“

Anke reckt den Hals und antwortet:

„Beim Klopapier rechts.“

„Wären Sie so freundlich? Nur eine Packung bitte!“ ruft die Tante meiner Frau zu.

Sie wird doch nicht?!
Doch, sie wird…
Ich sehe es ihrem Gesicht an; die Allerliebste lässt mich jetzt ohne Geld an der Kasse stehen und holt noch eine Packung Tampons für die blöde Kuh hinter mir.

Aber es kommt noch doller!
Die blöde Kuh ruft quer durch den Laden, meiner Frau hinterher:

„Aber die superstarken, ich blute immer wie ein Schwein!“

Warum tut sich in solchen Momenten nicht der Himmel auf und ein göttlicher Strahl beamt mich weg?
Ich wäre auch mit einem Loch einverstanden, das mich direkt ins Höllenfeuer fahren läßt. Ehrlich!

Story reloaded

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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